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Ich und Wir - eine Frage der Anerkennung

Kursleitung: Dr. Frithjof Reinhardt, Institut für Philosophie und Kulturgeschichte

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Fach:
Philosophie
Thema:
Konzepte von Gemeinschaft und Gesellschaft von 1800 bis heute
Methoden:
Seminargespräche, Textlektüre und –diskussion, Besichtigungen in Weimar und Jena
Voraussetzungen:
Interesse an Philosophie, sehr gute Deutschkenntnisse (C1)
 
Kursinhalt:
Der traditionellen Ständegesellschaft wurde um 1800 im Namen des "sich selbst absolut wissenden Ich" (Fichte) der Kampf angesagt. In Jena und Weimar feierte das "Ich" als Prinzip (Schelling) nicht nur der Philosophie seine Hochfeste. Hegel wird daran anknüpfen, aber den methodologischen Atomismus eines Kant und Fichte kritisieren, um über das Konzept der Anerkennung in der Sittlichkeit eine „Ich-Wir-Balance“ (Norbert Elias) herstellen zu können. Aber die faktischen Staatsgegebenheiten seiner Zeit stehen im klaren Widerspruch zu diesen theoretischen Überlegungen. Karl Marx und Friedrich Engels werden im Kommunistischen Manifest die freie Assoziation, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller ist", als Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft konzipieren. Diese Vision wurde im real existierenden Sozialismus oftmals falsch wiedergegeben und durch den Kollektivismus praktisch in sein Gegenteil verkehrt. Individualismus versus Kollektivismus ist aber in jedem Fall die falsche Alternative, egal ob aus kommunitaristischer Perspektive (Walzer, Taylor, MacIntyre) oder aus einem methodologischen Individualismus (Hobbes, Rousseau) heraus.
 
Die Sehnsucht nach Gemeinschaften wurde in der deutschen Geschichte immer wieder missbraucht und droht heute zu einer "Rückkehr der Stämme" zu verkommen oder führt zu fragilen, modernen Formen. Der vermeintlich freie Markt und dessen unterstellter Egoismus steht in Gefahr, in die Unfreiheit zu führen, wovor u.a. Schweizer Wirtschaftsethiker (Peter Ulrich, Ulrich Thielemann) immer wieder warnen, wobei die Gerechtigkeit als Fairness (John Rawls) auf der Strecke bleibt. Welche Rolle die Nationen in einer globalisierten Welt zukünftig spielen werden, steht heute, gerade vor der Folie der Kosmopolitismus-Debatte des 18. Jahrhunderts, ebenso zur Diskussion.
 
Wir werden im Seminar nach dem "Ich im Wir" (Axel Honneth) und dem Wir im Ich fragen, Hegels Konzept der Anerkennung (im Kontext der theoretischen Debatten und der gelebten Geselligkeit in Jena und Weimar) rekonstruieren, Gemeinschafts- und Gesellschaftskonzepte der Moderne beleuchten, John Rawls Überlegungen zur Gerechtigkeit kritisch befragen, um die Bedingungen der Möglichkeit einer "Ich-Wir-Balance" in einer zukünftigen Weltgemeinschaft und Weltgesellschaft (Otfried Höffe) auszuloten.
 
Mit den erwähnten Namen sind Referenzpunkte der theoretischen Debatte genannt. Der Besuch verschiedener Orte in Weimar und Jena soll vor Augen führen, wie um 1800 Geselligkeit in Gemeinschaft praktiziert und über eine zukünftige Gesellschaft debattiert wurde. Vielleicht können wir aus dem Nacherleben und unseren Debatten ein Vorgefühl für das Zukünftige entstehen lassen.

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