Kulturelle Identität im Wandel.
Individuum und Weltkultur in kosmopolitischen Denkansätzen
zwischen Weimarer Klassik und Gegenwart
Kursleitung: Thomas Ritschel, Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen
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Immer mehr Menschen sind heute Bürger verschiedener Welten. Sie schöpfen aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen und erleben zugleich, wie deren Grenzen kollidieren bzw. verschwimmen. Sie entfalten deshalb verschiedene Formen von Zugehörigkeit und überschreiten dabei wirkliche und mentale Grenzen; sie sind manchmal ideale Mittler zwischen den Kulturen, zugleich aber auch „Heimatlose“ auf der Suche nach Zugehörigkeit. „Hybridität“ scheint fast schon zum Idealtypus des „Globalbürgers“ zu werden. Aber ist dieser Zustand die Verwirklichung der alten Vision vom Kosmopoliten?
Der Traum vom „Weltbürgertum“ wurde, nach ersten Ansätzen in der Renaissance, erstmals in der Aufklärung und der Weimarer Klassik geträumt: Goethe „(er)findet“ in Weimar den Begriff der Weltliteratur und Christoph Martin Wieland sieht schon früher im geheimen Orden der Kosmopoliten eine Elite, welche die Welt zum Besseren führen werde. Goethe und Wieland gehören mit Kant und Lessing zu denen, die bereits um 1800 sowohl Individuen als auch Gesellschaften als kulturelle Entitäten begreifen. In der Klärung kultureller Verhältnisse suchen sie Antworten auf zentrale soziale und politische Fragen ihrer Zeit.
Angesichts von „Klimakatastrophen“, weitgehender ökologischer Blindheit des neoliberalen Kapitalismus, der Finanzkrise mit sich verschärfenden globalen Ungleichheiten, Migrationsproblemen und dem Ende des klassischen Nationalstaates rücken die Verhältnisse zwischen dem Einzelnen und dem Weltganzen, zwischen lokaler und globaler Perspektive, zwischen der kulturellen Disposition des Individuums und inter- bzw. transkulturellen kollektiven Wirklichkeiten heute in den Mittelpunkt drängender Diskussionen. Braucht es einen „neuen Kosmopolitismus“, wie ihn zum Beispiel der in Ghana geborene und in Princeton lehrende Philosoph Kwame Anthony Appiah entwirft, als Antwort auf diese Verhältnisse?
Unsere Recherchen beginnen an verschiedenen Orten in und um Weimar, in der Auseinandersetzung mit alten und neuen Texten und im Gespräch mit Fachleuten in den Museen und Forschungseinrichtungen der Region. Wir greifen aktuelle philosophische, kultur- und sozialwissenschaftliche Aspekte der Diskussion auf, fragen aber darüber hinaus auch nach konkreten ethischen, politischen und individuellen Konsequenzen. Den historischen Texten von Wieland, Goethe, Fichte, Kant und Lessing stellen wir aktuelle Ansätze u.a. von Kwame Anthony Appiah, Ulrich Beck und Christoph Antweiler gegenüber. Bestandteil des Kurses sind außerdem Exkursionen und ein Filmseminar.