Kurs D: Bildung und Bestimmung des Menschen in der klassischen deutschen Literatur
Das 18. Jahrhundert insgesamt ist die Epoche einer Neubestimmung des Menschen und des Menschlichen im Verhältnis zu Gott, der Natur, der Geschichte - und nicht zuletzt im Verhältnis zu sich selbst. Die «Erfindung» der Pädagogik reagiert ebenso auf diese «anthropologische Wende», die neuartige Entdeckung des Menschen wie das Nachdenken über eine diesseitig begründete Moral, eine «vernünftige» Religion - oder auch über die verschiedenen Arten und Weisen menschlicher Wahrnehmung, über die Ästhetik.
Die Literatur insgesamt schreibt an diesem Diskurs vom Menschen mit – allein schon dadurch, dass sie menschliches Handeln in ihren Figuren darstellt, problematisiert, in Konflikten vorführt und in notwendigen Reflexionsprozessen thematisiert. Insbesondere aber die Literatur im letzten Viertel des 18. und um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert beteiligt sich an dieser Rede über den Menschen. Nach der Französischen Revolution wurde die aufgeklärt-optimistische Auffassung vom Menschen schlagartig problematisch, mit Kants Kritiken wurde eine naive Auffassung des Subjekts durch eine komplexere ersetzt - und die Werke Goethes und Schillers, Wielands und Herders führen in höchstmöglicher ästhetischer Vollendung und philosophischer Reflexion diese hoch entwickelte Auffassung vom Menschen vor. Goethes «Wilhelm Meisters Lehrjahre» problematisiert Konzepte und Prozesse menschlicher Bildung ebenso wie Entwürfe von Individualität und Identität in einer modernen bürgerlichen Gesellschaft, Schillers Briefe «Ueber die ästhetische Erziehung» gehen einerseits von der avanciertesten Anthropologie der Zeit aus und reagieren mit ihrem spezifischen Programm einer Bildung des Menschen durch Kunst und Literatur auf die Entfremdungs- und Katastrophenerfahrungen der Zeit. Über die genannten Texte hinaus sollen kleinere lyrische Texte Goethes und Schillers, Prosatexte von Wieland und Herder, philosophische Traktate etwa von Kant im Zentrum der gemeinsamen Arbeit im Sommerkurs stehen.